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RedeVeröffentlicht am 18. Oktober 2025

Schweiz–Europa: Herausforderungen und Chancen (de, fr, it)

Bern, 18.10.2025 — Rede von Bundesrat Ignazio Cassis, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), anlässlich der Delegiertenversammlung der FDP.Die Liberalen (Schweiz), Bern – es gilt das gesprochene Wort

Caro Presidente del Partito Thierry Burkart

Signore signori Presidenti dei partiti cantonali

Signori e signore Consiglieri nazionali e agli Stati

Stimate autorità

Care amiche e cari amici liberali radicali

Sarà un’assemblea importante, quella di oggi. Importante perché discutiamo del futuro delle relazioni tra la Svizzera e l’Unione europea – un tema che tocca da vicino la nostra economia, il nostro lavoro, la nostra ricerca, la nostra libertà di movimento.

Svizzera – EU: il pacchetto

J’en viens au paquet négocié avec l’Union européenne.

Un paquet qui couvre un large éventail de domaines : économie, science, migration, électricité, transports, sécurité alimentaire, santé – et bien d’autres encore.

Tous les départements fédéraux sont impliqués, tout comme les cantons et les partenaires sociaux.

C’est pourquoi j’ai souhaité être accompagné ce soir de notre négociateur en chef, un diplomate d’une grande compétence et d’une vaste expérience : Patric Franzen.

Il nous aidera à répondre aux questions, notamment là où des zones d’incertitude pourraient subsister.

Una costante della nostra storia

La Suisse a toujours été attentive à ses voisins.

C’est naturel : nous vivons au cœur de l’Europe, entourés de pays membres de l’Union européenne.

Avec eux, nous commerçons, travaillons, étudions et échangeons notre culture.

La qualité de ces relations a toujours été déterminante pour notre prospérité, notre sécurité – et, au fond, pour notre qualité de vie.

Dopo il 1992: la via bilaterale

Liebe Delegierte, liebe Freundinnen und Freunde der FDP

Wir erinnern uns gut: 1992 sagte das Schweizer Volk «Nein» zum Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum.

Das war ein demokratischer Entscheid, der uns dazu brachte, einen anderen Weg zu suchen.

Dieser Weg wurde zum sogenannten «bilateralen Weg»: massgeschneiderte Abkommen mit der EU, Schritt für Schritt aufgebaut in den letzten dreissig Jahren.

Dank diesem Weg konnten wir gezielt am europäischen Binnenmarkt teilnehmen, Innovation fördern, Arbeitsplätze schaffen, die Forschung stärken und Stabilität sichern.

Es ist und soll ein Erfolgsmodell bleiben, das weltweit Anerkennung findet.

Il tempo non si ferma

Heute jedoch spricht die Realität eine klare Sprache: Während die EU die Regeln ihres Binnenmarkts laufend weiterentwickelt, bleiben unsere Abkommen stehen.

Ohne neue Schritte wird der bilaterale Weg mittelfristig auslaufen. Damit würde auch unsere Möglichkeit schwinden, «à la carte» am europäischen Binnenmarkt teilzunehmen.

Wie sich das anfühlt, wissen wir aus Erfahrung! Seit 2021, nachdem der Bundesrat dem Rahmenabkommen den Stecker gezogen hat, weil wir nicht auf den richtigen Weg waren, spüren bspw. die Medtech-Branche und unsere Hochschulen, welche Folgen dies hat.

Il nuovo pacchetto Svizzera–UE

Gerade deshalb hat der Bundesrat im Juni dieses Jahres ein neues Paket von Abkommen mit der Europäischen Union verabschiedet und die Vernehmlassung eröffnet, die bis Ende dieses Monats dauert.

Doch was bringt dieses Paket konkret?

Das Paket bringt Stabilität und Planbarkeit – mit klaren Regeln für die Beteiligung am europäischen Binnenmarkt.

Die Personenfreizügigkeit bleibt wie bisher auf jene beschränkt, die über einen Arbeitsvertrag verfügen. Sie bleibt also eine Freizügigkeit für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, nicht für alle Bürgerinnen und Bürger der EU.

Das Paket bringt auch neue Abkommen im Bereich der Elektrizität und der Gesundheit.

Es öffnet erneut die Türen zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit – für unsere Hochschulen von zentraler Bedeutung – und trägt dazu bei, dass die Schweiz weiterhin Nummer eins in der weltweiten Innovation bleibt.

Es erneuert den Schutz der Schweizer Löhne und führt eine Schutzklausel in der Frage der Zuwanderung bei der PFZ ein.

Und – nicht zuletzt – verbessert es die Streitbeilegung dank eines paritätisch besetzten, unabhängigen Schiedsgerichts.

Und ganz wichtig: Unsere direkte Demokratie bleibt erhalten.

Kurz gesagt: Es geht darum, das zu aktualisieren, was wir seit dem Bilateralen I kennen – den Luft- und Landverkehr, den Handel mit Industrie- und Landwirtschaftsprodukten sowie die Personenfreizügigkeit. Wir kennen diese Abkommen ja seit 25 Jahren: Sie stützen unsere Prosperität.

Neu hinzu kommen Bereiche, die für die Zukunft entscheidend sind: Strom und Gesundheit.

Zudem regeln wir zwei institutionelle Aspekte:

– die Anpassung der Regeln für die Teilnahme am Markt (die sogenannte dynamische Rechtsübernahme),

– und die Streitbeilegung (abschliessend durch das Schiedsgericht).

Die Rechtsübernahme – also die Möglichkeit, die Regeln nur in den Bereichen zu aktualisieren, in denen wir am europäischen Binnenmarkt teilnehmen – erfolgt dynamisch, nicht automatisch, sondern stets unter parlamentarischer und direkt demokratischer Kontrolle. Und sie ist klar abgesteckt: Wir wissen ganz genau, was Teil der dynamischen Rechtsübernahme ist und was nicht.

Das Schiedsgericht ist die einzige Instanz, die befugt ist, Streitfälle beizulegen. Für die Auslegung der nationalen Gesetzgebung bleiben hingegen die jeweiligen Gerichte zuständig – also das Bundesgericht in der Schweiz und der EuGH in der EU.

Perché il Consiglio federale la ritiene una necessità strategica

Chers délégués du PLR,

Le monde se trouve à un tournant historique : les guerres, les blocs commerciaux et les rivalités entre grandes puissances redessinent nos certitudes. La loi du plus fort est revenue sur le devant de la scène. L’ordre international né après la guerre froide vacille.

Dans cette phase de bouleversements mondiaux, la Suisse ne peut pas rester immobile : elle doit renforcer les bases de notre prospérité, c’est-à-dire les accords qui régissent nos relations avec le reste du monde.

Notre force ne réside ni dans la puissance militaire ni dans le poids démographique, mais dans notre crédibilité, notre stabilité institutionnelle et la qualité de nos accords.

Notre principal partenaire reste, de loin, l’Union européenne : pour les seuls échanges de marchandises, cela représente 300 milliards de francs par an.

Autrement dit, pendant les sept heures que nous passons ensemble aujourd’hui, des marchandises pour environ 250 millions de francs auront été échangées entre la Suisse et l’UE.

Plus de la moitié de nos exportations se dirigent vers l’Union européenne. On peut le dire avec une image simple : pour chaque pièce de deux francs que nous avons en poche, cinquante centimes dépendent de l’Europe.

C’est la preuve concrète que ce lien n’est pas un détail, mais la base de notre prospérité.

Bien sûr, les États-Unis et la Chine sont aussi des partenaires importants. Mais les chiffres parlent d’eux-mêmes : avec les États-Unis, nous échangeons environ un cinquième de ce que nous échangeons avec l’UE ; avec la Chine, à peine un dixième.

Et rappelons-le : le marché intérieur européen est le plus grand du monde – 450 millions d’habitants, 16 000 milliards d’euros de richesse. Pour une Suisse située au cœur du continent, rester à l’écart n’est pas une option.

Stabiliser nos relations avec l’Union européenne n’est donc pas un caprice politique, mais une évidence. C’est un choix stratégique pour garantir non seulement notre prospérité, mais aussi notre sécurité dans un monde instable.

Comme le dit un proverbe arabe : « Celui qui vit en paix avec son voisin dort sans crainte. »

Un impegno collettivo

Das Paket betrifft nicht nur die exportorientierten Unternehmen – es betrifft uns alle:

  • die Arbeitnehmenden, die Chancen und Schutz brauchen;
  • die Forschenden und Studierenden, die an grossen wissenschaftlichen Programmen teilnehmen möchten;
  • die Konsumentinnen und Konsumenten, die Qualitätsprodukte zu fairen Preisen wollen;
  • die Familien, die auf eine sichere und bezahlbare Energieversorgung angewiesen sind.

Kurz gesagt: es betrifft jede und jeden von uns.

Darum ist die laufende Konsultation so wichtig – sie soll nicht nur Fachleute anhören, sondern die Gesellschaft als Ganzes.

In den Grenzkantonen wie dem Tessin, Graubünden, Genf, Basel und St. Gallen ist die Grenze kein abstraktes Konzept, sondern gelebter Alltag. Grenzgänger sind ein Reichtum, aber auch eine Herausforderung. Gerade deshalb braucht es klare und stabile Regeln.

Der Bundesrat hat sich für Stabilität entschieden – und gegen Unsicherheit.

Il ruolo del PLR

Liebe Freundinnen und Freunde der FDP

Unsere Partei hat sich in den vergangenen Jahren wiederholt mit diesem Thema befasst und stets den bilateralen Weg unterstützt – weil er uns erlaubt, «à la carte» zu wählen, in welchen Bereichen wir am EU-Binnenmarkt teilnehmen wollen, und unsere Regeln nur in diesem Rahmen anzupassen.

Wir erinnern uns gut an die Delegiertenversammlungen in Airolo 2018 oder in Montreux 2022. In Montreux haben wir grossmehrheitlich das heute noch gültige Positionspapier verabschiedet.

Die FDP war damals die erste Partei - nach dem Stopp des Bundesrates zum Rahmenabkommen -, die die neuen Eckwerte für die Beziehungen mit der EU definiert hat.

Ich habe sie als Auftrag an mich verstanden. Wir haben sondiert, wir haben verhandelt, und nun haben wir ein sehr gutes Resultat erreicht.

Und heute bin ich hier, um Rechenschaft abzulegen.

Schauen wir uns die Forderungen von Montreux an:

Geschätzte Delegierte, Ich habe erfüllt!

  • Wahrung unserer politischen Eigenständigkeit: erfüllt.
  • Kooperation mit der EU bei Forschung, Bildung, Sicherheit, Migration, Strom: erfüllt.
  • Nachhaltige Sicherung und Weiterentwicklung des bilateralen Wegs: erfüllt.

Sektorielle Optik: erfüllt. Kein horizontales Rahmenabkommen: erfüllt. Absicherung der direkt-demokratischen Prozesse: erfüllt.

Begrenzte Dynamisierung, Schutzklausel, zweiphasige Streitbeilegung: alle erfüllt.

Liebe FDP-Delegierte

Das vorliegende Verhandlungsergebnis ist die Fortsetzung des bilateralen Wegs.

Das ist der freisinnige Weg zwischen Beitritt und Alleingang!

Conclusione

Ich komme zum Schluss.

Der bilaterale Weg gehört nicht der Vergangenheit an – er ist der Weg, der uns bis hierhergeführt hat und der uns auch in Zukunft stärken wird.

Das neue Paket Schweiz–EU beschränkt unsere Unabhängigkeit nicht. Im Gegenteil: Es festigt sie – denn nur, wer stark ist, kann wirklich souverän bleiben.

Es ist kein Luxus. Es ist eine Notwendigkeit – für unseren Wohlstand, für unsere Jugend, für unsere Energie- und Gesundheitssicherheit.

Die Schweiz ist stark, wenn sie über ihre Grenzen hinausblickt, ohne ihre Identität zu verlieren. Dieses Paket ermöglicht uns genau das: uns selbst zu bleiben – und zugleich mit der Welt verbunden zu sein.

Mesdames et Messieurs,

Le monde est en pleine tempête, et nous ne pouvons pas arrêter le vent.
Mais nous pouvons régler nos voiles : grâce à des relations solides avec nos voisins, la Suisse reste maîtresse de sa route.

Je vous invite à en parler, à vous forger votre propre opinion et à faire entendre votre voix.

Vi ringrazio di cuore per l’attenzione – e per la partecipazione attiva a questo dibattito fondamentale per il nostro Paese.